Worte, die mir gefielen „Gewalt und ihre Auswirkungen“

 

Dolpo Tulku Rinpoche über Gewalt und ihre Auswirkungen

 

In den letzten Wochen gab es viele traurige Gewalttaten überall auf unserer Welt. Einige meiner Schüler und Freunde baten mich um Ratschläge, wie man damit umgeht. Diese Fragen sind Ausdruck von tiefer Sorge und Beunruhigung. Deshalb möchte ich hier ein paar meiner Gedanken zu diesem Thema mitteilen.

 

Heutzutage gibt es gewisse Organisationen, Gruppen von Leuten und Individuen auf allen Seiten, die Emotionen dazu nutzen, Menschen auseinanderzubringen. Sie heben die Unterschiede zwischen „mir und meiner Religion“ gegenüber einer anderen Religion oder zwischen „mir und meiner Kultur“ gegenüber anderen Kulturen usw. hervor. Dabei lassen sie es so erscheinen, als gäbe es da ganz klare Trennlinien und beschwören Szenarien hoch, in denen nur eine Seite gewinnen kann, während die andere verlieren muss, ohne die geringste Möglichkeit eines Zusammenlebens. Sie möchten gewinnen und ihren Widersachern Leiden zufügen, egal wie hoch der Preis letztendlich für alle ist. Wir müssen alle sehr vorsichtig sein, um uns von solch stark vereinfachten Gedankengängen nicht verleiten zu lassen.

 

Was können wir also tun, um uns nicht von diesen Emotionen beherrschen zu lassen, die Vergeltung und Bezwingen erfordern? Lassen wir uns auf diese Phrasen und Untergangsszenarien ein, dann tun wir genau das was die Verursacher der Gewalttaten sich wünschen – noch mehr Gewalt erzeugen. Deshalb ist der erste Schritt, sich nicht von dem Gefühl der Hilflosigkeit, Angst und Orientierungslosigkeit übermannen zu lassen. Stattdessen müssen wir unsere innere Ruhe behalten, die uns eher dazu führt, ausgewogene Entscheidungen zu treffen und eine richtige Einschätzung der Lage zu erhalten. Entscheiden und agieren wir aber aus Angst und Wut, erfüllen wir ganz genau die Wünsche der Angstmacher. Sie erhalten Kontrolle über uns und wir werden zu ihren Marionetten. Nach ihren Vorstellungen sollte die größte Frucht sein, dass wir der Angst zum Opfer fallen und dabei unser Mitgefühl und unsere Liebe verlieren. Dabei verlieren wir auch unsere Menschlichkeit. Unsere Menschlichkeit ist ein entscheidender Faktor der alle Bereiche unseres Lebens betrifft – unsere Kultur, unsere Religion, unser gesellschaftliches Zusammenleben etc. Deshalb müssen wir uns emotional distanzieren und uns die Situation gründlich anschauen, alle Aspekte beleuchten, während wir geduldig bleiben und Mitgefühl für alle Beteiligten aufbringen. Unser Ziel muss es sein, herauszufinden, wie wir langfristige Lösungen schaffen können, ohne dass unser gesunder Menschenverstand uns durch Panik verloren geht. Ich halte das für sehr wichtig.

 

Natürlich sollte alles getan werden, um die öffentliche Sicherheit herzustellen. Aber diesem Vorgang muss jedoch der Wunsch des Erhalts des gesellschaftlichen Friedens zu Grunde liegen. Hier ist die Führung durch umsichtige Politiker und andere angesehene Persönlichkeiten ausschlaggebend. Wenn wir auf diese brutalen und hasserfüllten Gewalttaten auch mit Hass und Gewalt reagieren, dann gibt es keinen Unterschied zwischen uns und den Angreifern. Es liegt aber an uns, etwas zu verändern und anders zu machen. Deshalb dürfen wir uns nicht von Hass und Angstmacherei leiten lassen, weil wir damit genau die Wünsche derjenigen erfüllen würden, die diese abscheulichen Taten anzetteln und begehen. Ihr Ziel ist es, Unruhe zu schaffen, das gesellschaftliche Gefüge auseinander zu reißen, und im schlimmsten Falle einen Krieg anzuzetteln. Wenn diese Dinge eintreten, dann gibt es für niemanden von uns Sicherheit, ganz egal auf welcher Seite sie stehen. Jeder von uns weiß genau was Krieg bedeutet. Alles was eine Gesellschaft und eine Kultur über Jahrzehnte und Jahrhunderte geschaffen hat, Häuser, Fabriken, Schulen, Tempel etc., wird innerhalb von Wochen zunichtegemacht. Familien werden auseinandergerissen und Leben zerstört. Das ist ein unglaubliches Leiden. Eigentlich wissen wir alle, was die Ursachen und Umstände sind, die zu diesen Zuständen führen. Wir alle können im Fernsehen beobachten wie Kriege aus sozialen Unruhen entstehen.

 

Mir erscheinen dafür zwei Punkte als ausschlaggebend. Als erstes die Reaktion der Politiker. Viele nutzen diese Gewalttaten um ihre eigene Agenda durchzuziehen. Sie schieben ihren politischen Gegnern die Schuld zu hoffen, dass sie sich bei den Wählern beliebt machen können, um bessere Wahlergebnisse zu erhalten. Mir scheint es als würden sie dabei vergessen, dass es eine ihrer Hauptaufgaben ist nach friedvollen Lösungen zu suchen. Zu ihren Taktiken gehört es aggressiv und verachtend über einige Gruppen in der Gesellschaft zu sprechen. Das ist äußerst gefährlich. Politiker tragen deshalb eine sehr große Verantwortung. Wenn ihr Wahlerfolg davon abhängt, Gewalt anzuzetteln und die Abneigung zwischen den Menschen zu verstärken, dann wird ihr Gewinn nicht auf ihren staatsmännischen Fähigkeiten beruhen, sondern auf einer verachtenswerten Vorgehensweise, die dem Volk letztendlich mehr schadet als hilft. Gleichzeitig haben auch die Wähler hier eine große Verantwortung zu tragen. Wir müssen für Politiker stimmen, die sich aufrichtig für den Frieden einsetzen.

 

Der zweite Punkt sind die Medien. Es gab schon immer fürchterliche Vorfälle und Gewalttaten überall auf der Welt, aber noch nie konnten sie so schnell und so weltweit überall und auf so vielen verschiedenen Wegen verbreitet werden. Vor vielen Jahren hatten wir einfach nicht die Möglichkeit etwas über gewisse Konflikte, Terroranschläge etc. zu erfahren. Heutzutage werden wir mit Bilder von Blut und Toten überschüttet. Natürlich ist das für viele einfach zu viel und führt zu einem Gefühl der ständigen Verletzlichkeit. Da liegt es nahe zu denken, dass jeder aus einer gewissen Volksgruppe oder Religion eine Bedrohung darstellt. Misstrauen und Zweifel verbreiten sich dann schnell. Deshalb müssen wir diese negativen Nachrichten mit positiven Nachrichten ausbalancieren, wie zum Beispiel über die vielen Initiativen, die den Frieden fördern, Verständnis und Harmonie als Ziel haben. Unzählige Menschen engagieren sich in diesen Bereichen. Das sollte sich auch ausgeglichener in den Medien widerspiegeln. Nicht nur um ein Gleichgewicht herzustellen, sondern auch für die mentale Gesundheit der Medienkonsumenten. Mein Eindruck ist, dass diese vielen negativen Nachrichten bei manchen Menschen einen tief greifenden psychischen Schaden hervorrufen können.

 

Hier deshalb noch einmal meine Bitte: Wenn wir eine Eskalation der Depression und der Gewalt verhindern möchten, dann müssen wir ruhig bleiben, Geduld üben und Mitgefühl haben. Nur dann können wir friedliche Lösungen finden, von denen alle Beteiligten profitieren. Nur dann können wir mehr Sicherheit genießen, Konflikte entschärfen und anderen keinen Schaden zufügen. Ich bitte alle darüber nachzudenken und dies in den kommenden Tagen und Wochen zu praktizieren.

 

Dolpo Tulku Rinpoche, Kathmandu, Nepal, 23.07.2016

 

Übersetzt aus dem Tibetischen durch Daniela Hartmann

Redigiert von Jens Freiberg

 

 

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